
Ein
Spitzentreffen
„La traviata" mit Anna Netrebko
im Großen Salzburger Festspielhaus
Diesen
Erfolg hat Salzburg gebraucht. Verdis
„Traviata" wurde am Sonntag ein Stimm-
und Theaterfest. Das Stück ist ein Lieblingswerk
aller Opernenthusiasten und wie alles
aus dem 19. Jahrhundert mit seinen scheinbar
so genauen äußeren Vorgaben schwer auf
die Bühne zu bringen. Was soll wie gezeigt
werden, um klar genug, aber nicht gestrig
zu wirken? Jeder scheint das Stück genau
zu kennen, klebt an seinen Erinnerungen
- schon gar das behäbige Salzburger
Publikum.
Zudem
wurde diese Premiere unangenehm hochgepuscht,
weil die omnipräsente Anna Netrebko
die Titelrolle singt. Neben ihr spielen,
was grotesk ist, ihre Partner nur zweite
Geige in der äußeren Beachtung:
der fabelhafte Rolando Villazón
(Alfredo) und Thomas Hampson, einer
der heute besten Sängerdarsteller
überhaupt als Vater Germont. Dabei
hat natürlich das Zusammentreffen
dieser drei Spitzensänger mit starkem
schauspielerischem Talent dem Regisseur
Willy Decker erst die Möglichkeit
gegeben, in seiner sehr klaren Inszenierung
ausschließlich auf sensibel aufeinander
reagierende Menschen zu setzen.
Der
ungetrübte Schlussjubel zeigte,
dass auch ein ungewöhnliches Konzept
ankommt, wenn es so stark von den Sängern
getragen wird. Carlo Rizzi am Pult allerdings
konnte den ursprünglich vorgesehenen
Marcello Viotti nicht vergessen machen.
Die Bühne des Großen Festspielhauses
ist ein weißes Halbrund. Unübersehbar
und schließlich auch ein bisschen
überdeutlich eine ständig
vorrückende Uhr - Violettas Lebenszeit
läuft ab. Der sonst erst im letzten
Bild auftauchende Arzt ist als Symbol
des Todes und als eigentlicher Partner
Violettas immer anwesend. Farbe bringt
Bühnenbildner Wolfgang Gussmann
ins Bild, wenn sich der Liebestraum
zu erfüllen scheint. Ein leuchtender
Blumenhintergrund und Blumenüberwürfe
auf ein paar Sofas reichen, um die Unbeschwertheit
und den Übermut des blutjungen Paares
zu akzentuieren. Die drei Bilder nach
der Pause gehen ohne jeden Umbau ineinander
über. Der Vorteil: Die Rapidität des
Verhängnisses kommt um so vehementer
heraus.
Das Kammerspiel der drei Akteure wird
kontrapunktiert von einem blendenden
Chor; alle, auch die Frauen, in schwarzen
Anzügen. Wenn sich die schwarze Masse
Mann auf die zarte Violetta im roten
Kleid stürzt, wird klar, wie sehr sie
hier als Opfer gesehen wird. Opfer aber
auch ihrer eigenen Skrupel. Selten hat
man sie so inständig um die Anerkennung
durch Vater Germont werben sehen, der
ihr als moralische Instanz erscheint.
Thomas Hampson gibt ihn herrisch, auftrumpfend,
die Arme eng am Körper, die Schultern
aus Beton. Der muss sich selber, auch
in der Stimmstärke, in diese Rolle steigern,
um nicht gerührt zu werden durch Violettas
Lauterkeit. Den Sohn behandelt er als
den großen Jungen, der Alfredo hier
auch noch ist. Villazón gibt
ihn mit einer völlig ungeschützten Offenheit:
erste Liebe, erster Kummer, erste Verzweiflung
- alles zum ersten Mal. Es war sein
strahlendes Salzburg-Debüt. Schöner
und natürlicher hätte es nicht verlaufen
können als mit dieser Partnerin. Beide
im Vollbesitz ihrer stimmlichen Möglichkeiten
- er mit dem Schmelz, der Träne und
dem Glanz des echten italienischen Tenors,
die Netrebko mit ihrem in allen Lagen
sicheren und klangschönen Sopran.
Ob sie wusste, wie sehr sie diesmal
auf dem Prüfstand war? Die Stimmung
schlug ja gerade um. Netrebko oben und
unten, hinten und vorn, anscheinend
ohne jeden Widerstand von ihrer Seite
verwurstet von den Medien. Jetzt brauchte
es wieder einen rein künstlerischen
Beweis, und den hat sie erbracht. Die
Stimme bekommt mehr Farben, mehr Flexibilität.
Und ihre Darstellung rührt an. Auch
sie entfaltet sich ganz eben erst bei
einer Inszenierung, die mit ihr erarbeitet
und ganz auf sie zugeschnitten ist.
So kann's weitergehen.
BEATE KAYSER