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  "La Traviata"
Kritiken über das Opernereignis 2005
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Ein Spitzentreffen
„La traviata" mit Anna Netrebko im Großen Salzburger Festspielhaus

Diesen Erfolg hat Salzburg gebraucht. Verdis „Traviata" wurde am Sonntag ein Stimm- und Theaterfest. Das Stück ist ein Lieblingswerk aller Opernenthusiasten und wie alles aus dem 19. Jahrhundert mit seinen scheinbar so genauen äußeren Vorgaben schwer auf die Bühne zu bringen. Was soll wie gezeigt werden, um klar genug, aber nicht gestrig zu wirken? Jeder scheint das Stück genau zu kennen, klebt an seinen Erinnerungen - schon gar das behäbige Salzburger Publikum.

Zudem wurde diese Premiere unangenehm hochgepuscht, weil die omnipräsente Anna Netrebko die Titelrolle singt. Neben ihr spielen, was grotesk ist, ihre Partner nur zweite Geige in der äußeren Beachtung: der fabelhafte Rolando Villazón (Alfredo) und Thomas Hampson, einer der heute besten Sängerdarsteller überhaupt als Vater Germont. Dabei hat natürlich das Zusammentreffen dieser drei Spitzensänger mit starkem schauspielerischem Talent dem Regisseur Willy Decker erst die Möglichkeit gegeben, in seiner sehr klaren Inszenierung ausschließlich auf sensibel aufeinander reagierende Menschen zu setzen.

Der ungetrübte Schlussjubel zeigte, dass auch ein ungewöhnliches Konzept ankommt, wenn es so stark von den Sängern getragen wird. Carlo Rizzi am Pult allerdings konnte den ursprünglich vorgesehenen Marcello Viotti nicht vergessen machen.

Die Bühne des Großen Festspielhauses ist ein weißes Halbrund. Unübersehbar und schließlich auch ein bisschen überdeutlich eine ständig vorrückende Uhr - Violettas Lebenszeit läuft ab. Der sonst erst im letzten Bild auftauchende Arzt ist als Symbol des Todes und als eigentlicher Partner Violettas immer anwesend. Farbe bringt Bühnenbildner Wolfgang Gussmann ins Bild, wenn sich der Liebestraum zu erfüllen scheint. Ein leuchtender Blumenhintergrund und Blumenüberwürfe auf ein paar Sofas reichen, um die Unbeschwertheit und den Übermut des blutjungen Paares zu akzentuieren. Die drei Bilder nach der Pause gehen ohne jeden Umbau ineinander über. Der Vorteil: Die Rapidität des Verhängnisses kommt um so vehementer heraus.

Das Kammerspiel der drei Akteure wird kontrapunktiert von einem blendenden Chor; alle, auch die Frauen, in schwarzen Anzügen. Wenn sich die schwarze Masse Mann auf die zarte Violetta im roten Kleid stürzt, wird klar, wie sehr sie hier als Opfer gesehen wird. Opfer aber auch ihrer eigenen Skrupel. Selten hat man sie so inständig um die Anerkennung durch Vater Germont werben sehen, der ihr als moralische Instanz erscheint. Thomas Hampson gibt ihn herrisch, auftrumpfend, die Arme eng am Körper, die Schultern aus Beton. Der muss sich selber, auch in der Stimmstärke, in diese Rolle steigern, um nicht gerührt zu werden durch Violettas Lauterkeit. Den Sohn behandelt er als den großen Jungen, der Alfredo hier auch noch ist. Villazón gibt ihn mit einer völlig ungeschützten Offenheit: erste Liebe, erster Kummer, erste Verzweiflung - alles zum ersten Mal. Es war sein strahlendes Salzburg-Debüt. Schöner und natürlicher hätte es nicht verlaufen können als mit dieser Partnerin. Beide im Vollbesitz ihrer stimmlichen Möglichkeiten - er mit dem Schmelz, der Träne und dem Glanz des echten italienischen Tenors, die Netrebko mit ihrem in allen Lagen sicheren und klangschönen Sopran.

Ob sie wusste, wie sehr sie diesmal auf dem Prüfstand war? Die Stimmung schlug ja gerade um. Netrebko oben und unten, hinten und vorn, anscheinend ohne jeden Widerstand von ihrer Seite verwurstet von den Medien. Jetzt brauchte es wieder einen rein künstlerischen Beweis, und den hat sie erbracht. Die Stimme bekommt mehr Farben, mehr Flexibilität. Und ihre Darstellung rührt an. Auch sie entfaltet sich ganz eben erst bei einer Inszenierung, die mit ihr erarbeitet und ganz auf sie zugeschnitten ist. So kann's weitergehen.
BEATE KAYSER

Artikel erschienen am 9.8.2005 - TZ München



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