
Ein
Prosit auf den Tod
"La traviata" in Salzburg: Standing
Ovations für Anna Netrebko
Bis
auf Seite 34 des Programmhefts muss
man blättern, dann prangt es einem entgegen:
"Mitleid mit der Frau!" Entnommen ist
die Überschrift dem Verdi-Roman von
Franz Werfel. Und in diesem Kontext
entfaltet die Bitte natürlich (gewollte?)
Hintergründigkeit. Denn mal ehrlich:
Wegen Giuseppe Verdi, den Wiener Philharmonikern,
ja auch wegen Rolando Villazón, Thomas
Hampson oder Meisterregisseur Willy
Decker ist natürlich keiner angereist,
um Salzburg in den karajanesken Ausnahmezustand
zu stürzen.
MARKUS THIEL

Star-Sopranistin Anna Netrebko und der
Tenor Rolando Villazon nach
der Premiere von Verdis "La Traviata"
in Salzburg / Foto: dpa
Schwarzmarktpreise
bis zu 4500 Euro
Es
klunkern also die Steine, es bonzt das
Publikum. Auffahrt der Adabeis mit Benz
und Rolls, Schwarzmarktpreise bis zu
4500 Euro, für die Zwielichtige
mit 500er-Scheinen wedeln, dazu ORF-Kameras
in steter Jagdbereitschaft, auf dass
Gesichter unter Schminkbeton oder das
Zäpfchen der Diva bestmöglich
ins Bild gesetzt werden: "Mitleid"
demnach? Anna Netrebko, Darling der
Festspielstadt und Pflegemittel eines
schwer schwächelnden Klassikmarkts,
hat die Hysterie inklusive Schaukochen
auf dem Domplatz letztlich auch bedient.
Und gemessen an diesem Tamtam stand
sie wohl wirklich vor der wichtigsten
Premiere ihrer bisherigen Karriere.
Dass
sie "La traviata" nicht nur
mit Anstand, sondern mit Verve hinter
sich gebracht hat, spricht für
sie. Für ihre Coolness, vor allem
für die Professionalität,
auf den Punkt in der ihr möglichen
Bestform zu sein. Drei Sängerinnen,
so wird oft analysiert, erfordert im
Grunde die knifflige Partie. Wer die
Netrebko hat, spart sich mindestens
eine. Für die dramatische Emphase
im zweiten und das Piano-Verglimmen
Violettas im dritten Akt ist sie eine
grandiose Besetzung. Weniger für
den Beginn, wo Verdi noch einmal den
Belcanto beschwört, wo vokaler
Zierrat mit souveräner Geste in
Ausdruck umgesetzt werden müsste.
Und als Ergebnis also nicht, wie hier,
die solide Bewältigung ertönt.
Anna
Netrebko weiß ja um die relative
Farbarmut ihres Soprans, der dank der
Metallbeimischung wie von selbst im
Riesenraum des Großen Festspielhauses
trägt. Anders etwa als ihr Partner
Rolando Villazó´n, der
gern bereit ist zur totalen Entäußerung,
"brennt" die Stimme der Netrebko
nicht. Wer die Augen schließt,
hört Distanz. Aber das fällt
irgendwann nicht mehr ins Gewicht: Die
Netrebko differenziert eben in Dynamik
und Ausdruck, verschmilzt fern aller
Klischees mit der Rolle und baut auf
ihre unvergleichliche Ausstrahlung.
Bei ihr, das ist die Chance, hört
das Auge mit.
Willy
Decker nutzt das, ist jedoch klug genug,
seine Produktion nicht zur Anna-Show
aufzudonnern. Die womöglich einzige
echte Liebesgeschichte einer Edel-Hure
erzählt er als intensives wie genaues,
kühles wie illusionsloses Reflektieren
über den Tod und die Zeit. Eine
bedrohliche Beerdigungsgesellschaft,
die sich ins hohle Amüsement flüchtet,
huldigt da ihrem zerbrechlichen Götzenbild.
Immer wieder begegnet Violetta einem
geheimnisvollen Alten, vor dem sie erschrickt,
dem sie trotzig ihr Schampus-Glas entgegenreckt,
an den sie sich am Ende auch ermattet
lehnen wird: Dr. Grenvil (Luigi Roni)
ist hier die Vaterfigur aus dem Jenseits,
ein still mahnender, fast liebenswerter
Todesbote.
Grandioses
Sänger-Trio und ein schwacher Dirigent
Gottlob
ist der Regisseur kein Blender. Abgesehen
von der penetrant eingesetzten Chiffre
eines Zifferblatts braucht Decker keine
Mätzchen, um dicht an den Personen
zu bleiben, Beweg- und und Hintergründe
mit natürlichen Figurenführungen
zu verdeutlichen. Wolfgang Gussmann
lieferte hierzu die wohl beste Bühne,
die in den letzten Jahren fürs
Große Festspielhaus entworfen
wurde: ein dynamisch geschwungenes Halbrund,
eine klinisch weiße, akustisch
indes heikle Lamellenwand, die ins Auditorium
greift und gleichzeitig Intimität
ermöglicht. Dort, in dieser Laborsituation,
ist Rolando Villázon als Alfredo
weniger Frauenheld, eher der Typ schüchterner
Firmling. Sympathien weckt er durch
seine Schutzlosigkeit, die immer spürbar
bleibt, auch wenn's inbrünstig
wird. Sein Tenor mag in kleineren Häusern
präsenter klingen, weniger forciert.
Doch die Kompromisslosigkeit, sein außerordentliches
Stimmpotenzial, auch die stilistische
Sicherheit, mit der er Dramatik kanalisiert,
all das macht ihn der Netrebko mehr
als ebenbürtig.
Dieser
Alfredo hat nicht nur die falsche, bald
verlöschende Flamme, sondern auch
einen Papa-Komplex. Und so deutlich
wie in dieser Inszenierung hat man den
familiären Hintergrund womöglich
noch nie gespürt. Der wunderbare
Thomas Hampson ist ja ohnehin kein lyrischer
Säusler, daher als Germont Klang
gewordene Hartherzigkeit, ein wie betoniertes
Denkmal des Bürgertums - und dabei
jähen Stimmungsschwankungen zwischen
Mitleid, Reserviertheit und Ohrfeige
unterworfen.
Dass
freilich die Festspiele für dieses
Trio und Deckers Feinjustierungen keinen
adäquaten Dirigenten fanden, ist
ein Armutszeugnis. Gemeinerweise spielen
nämlich die Wiener Philharmoniker
so, wie Carlo Rizzi schlägt: Phrasierungsschmelz
gibt's kaum, als Ersatz Bremsmanöver
bis zum Stillstand. Und ansonsten wird
aufdringliche Klanglichkeit und ein
Humtata produziert, das entfernt an
Rossini, meist aber an eine Kurkapelle
erinnert.
Die
glücklichen Ticketbesitzer störte
es kaum: Standing Ovations für
die Netrebko, Jubel für den Rest
inklusive Willy Decker und einen Abend
mit Gänsehaut-Momenten, der freilich
eine weitere versteckte Boshaftigkeit
enthält. Denn die Feierwut und
Sensationslust, die Decker da bloßstellte,
kam einem doch irgendwie bekannt vor:
"La traviata" - das maßangefertigte
Stück also nicht nur für die
Diva, sondern auch gleich für ihr
Publikum.