
Sternstunden
in Salzburg
Wie
Superstar Anna Netrebko gefeiert wurde,
wer sich daneben benahm
VON FRITZ JANDA UND RENATE SCHRAMM
Wieder
einmal Festspielsommer. Wieder einmal
Salzburger Schnürlregen. Aber immerhin
war etwas neu für die Nockerl-Stadt
und somit berichtenswert: Im traditionsreichen
Literaten- und Schauspielercafé
„Bazar" gibt es heuer für durstige Festspielgäste
auch Wasser pur. Leitungswasser, der
Viertelliter für 30 Cent. Eine soziale
Errungenschaft. In den letzten Jahren
wäre jeder Gast, der zum Wasser nicht
wenigstens einen „kleinen Braunen" bestellt
hätte, höflich aber bestimmt hinauskomplimentiert
worden.
Aber
das wird seit Sonntag an der Salzach
nur noch als Petitesse gehandelt. Hat
Salzburg doch eine „Sternstunde" erlebt
mit einem neuen „Superstar" gleich dazu:
Anna Netrebko. Als Violetta in Verdis
„La traviata" riss die 33-jährige, bildhübsche
Russin am Sonntagabend die Premierenbesucher
im Großen Festspielhaus zu Beifallsstürmen
hin (siehe Kritik).
Daran, dass das Publikum, wie hier geschehen,
nach dem Schlussakkord geschlossen aufstand,
um die Künstlerin zu bejubeln, können
sich auch langjährige Festspiel-Fans
kaum erinnern.
Und
nicht genug der Superlative: mit ihrem
ebenfalls gefeierten Partner Rolando
Villazón sind die beiden jetzt
auch noch das neue „Traumpaar" Salzburgs.
So gab es denn gestern im „Bazar" wie
in der Promi-Herberge „Goldener Hirsch"
oder auf der Terrasse der „Rosenvilla"
nur ein Thema: Anna - die neue Operngöttin,
eine zweite Callas? Und: „War da nicht
ein kleines Bäuchlein zu sehen, ist
sie vielleicht schwanger? Die Probenarbeit
soll ja sehr intim und intensiv gewesen
sein."
Auch
für Angela Merkel, die auf Einladung
eines der vier großen Sponsoren (Nestlé,
Siemens, Audi, Uniqua) mit drei Bodyguards
angereist war (die, wenn zum Teil auch
nur auf einem Stehplatz, die Netrebko-Arien
miterleben durften), war es wohl gestern
eine Salzburg-Premiere.
Die
Münchner Charity-Lady Inge Fürstin von
Wrede-Lanz: „Frau Merkel ist ja fast
jedes Jahr in Bayreuth, aber in Salzburg
habe ich sie noch nicht gesehen. Auch
sie kam wegen Anna Netrebko, so hörte
ich, sie ist ja eine große Musik-Kennerin.
,La traviata' war eine einmalige Vorstellung.
Es war so anrührend, dass viele geweint
haben, ich auch. Noch hinterher, als
wir mit Bianca Jagger und ihrem Kunstfreund
Thaddaeus Ropac im ,Goldenen Hirschen'
gefeiert haben, wurde nur geschwärmt
von dieser Inszenierung." Inge Fürstin
von Wrede-Lanz kennt den üblichen Salzburg-Rummel
schon lange: „Ich war bereits als Kind
mit meinen Eltern regelmäßig dabei -
unvergessen: Curd Jürgens als ,Jedermann',
- und noch heute gehört Salzburg für
meinen Mann und mich zum Jahreszeiten-Ablauf.
Schon wenn wir von München hinfahren,
die Burg sehen - da geht uns das Herz
auf. Die Stadt und ihre Festspiele haben
einen ganz besonderen Charme, eine unerreichbare
Atmosphäre - viel leichter und lockerer
als Bayreuth. Man zieht sich schön an,
isst gut und hat Kunst in jeder Form
- nicht nur Oper. Was ich positiv finde:
Früher gab's nur eine Premiere, jetzt
werden alle möglichen Inszenierungen
gezeigt, Opern, die man sonst nicht
so sieht."
Was man im Großen Festspielhaus so auch
noch nicht gesehen hatte, war dann gestern
das große Tuschel-Thema, schon in der
Pause und auch hinterher. Kristall-Erbin
Fiona Swarovski (40), die sich seit
einiger Zeit bei jeder Gelegenheit gern
innigst turtelnd mit ihrem Verlobten,
dem österreichischen Finanzminister
Karl-Heinz Grasser (38), in der Öffentlichkeit
zeigt, busselte sich auch durch „La
traviata". Von heißen Zungenküssen und
Umarmungen wurde erzählt, so dass illustren
Gästen wie Frankfurts Oberbürgermeisterin
Petra Roth der Blick auf die Bühne zeitweise
total versperrt war. „Stillos und peinlich",
mokierten sich viele Besucher hinterher
bei sautierten Hummerkrabben, Rehnüsschen
und Champagner. „So benimmt man sich
nicht in dem Alter und schon gar nicht
in der Oper." In der anderthalb-Millionen-Stadt
Wien hüllt man sich dazu in Schweigen.
Grassers Sprecher Matthias Winkler gestern
zur AZ: „Wir kommentieren das Privatleben
des Finanzministers grundsätzlich nicht."
Dagegen
die Mozartstadt Salzburg, klein, überschaubar,
da gibt es unter den 150000 Bürgern
wenig Anonymität. Auch nicht für die
Großen der Szene. Was Elisabeth Gürtler,
Kunstexpertin, Sacher-Chefin in Wien
und Salzburg, aber wieder geradezu faszinierend
findet: „Salzburg lebt mit seinen Festspiel-Gästen.
In Wien treten dieselben Künstler auf,
sind die Vorstellungen manchmal sogar
besser, aber Publikum und Stars kommen
nicht zusammen, laufen auf der Kärntner
Straße aneinander vorbei. Im kleinen
Salzburg sind die Sänger zum Anfassen
nahe. Man lebt täglich mit ihnen."
Ja, man ist hier nah dran. Schon in
der Ära des Pult-Titanen Karajan musste
man nie lange nach dem Maestro Ausschau
halten. Man konnte, abwarten, dass in
der Zeitung von einer Bruchlandung berichtet
vurde, weil er mit dem Porsche zu schnell
zu seinem Haus in Anif unterwegs war.
Man weiß es, wenn Lokalmatadorin Manni
Fürstin von Sayn-Wittgenstein, in deren
Jagdhaus in Fuschl sich jeden Festspiel-Sonntag
die Hauptakteure von Bühne und Publikumsprominenz
zum Wildgulaschessen einfinden, wieder
einmal einen neureichen Möchtegern-Adabei
ausgeladen hat, der sich über ein teures
„Jedermann"-Sponsoring in die Society
einkaufen will: „Diese Leute will ich
nicht bei uns haben, zu unserer Gesellschaft
gehören sie nicht."
Doch
Kommerz und Kunst gehören in Salzburg
seit langem zusammen, nicht erst seit
der griechische Generalkonsul und Mercedes-Statthalter
auf legendären Partys Millionäre und
Minister, Präsidenten und Prinzen, Künstler
und Lebenskünstler zu Festen zusammenbrachte,
bei denen es oft so bewegt zuging, dass
sich schon mal das Diamantarmband einer
Schweizer Industriellengattin in alle
Ecken verstreute. Die frühen 60er-Jahre,
als der große Dirigent Karl Böhm nach
legendären Premieren des „Figaro" oder
der „Ariadne" mit einer handverlesenen
Schar von Freunden und Künstlern am
Stammtisch der „Rosenvilla" grantelnd
seinen Kamillentee trank, sind eben
längst vorbei. Aber damals war das Wasser
im „Bazar" auch noch kostenlos.
Mitarbeit: Jana Badohn