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  "La Traviata"
Kritiken über das Opernereignis 2005
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Sternstunden in Salzburg

Wie Superstar Anna Netrebko gefeiert wurde, wer sich daneben benahm
VON FRITZ JANDA UND RENATE SCHRAMM

Wieder einmal Festspielsommer. Wieder einmal Salzburger Schnürlregen. Aber immerhin war etwas neu für die Nockerl-Stadt und somit berichtenswert: Im traditionsreichen Literaten- und Schauspielercafé „Bazar" gibt es heuer für durstige Festspielgäste auch Wasser pur. Leitungswasser, der Viertelliter für 30 Cent. Eine soziale Errungenschaft. In den letzten Jahren wäre jeder Gast, der zum Wasser nicht wenigstens einen „kleinen Braunen" bestellt hätte, höflich aber bestimmt hinauskomplimentiert worden.

Aber das wird seit Sonntag an der Salzach nur noch als Petitesse gehandelt. Hat Salzburg doch eine „Sternstunde" erlebt mit einem neuen „Superstar" gleich dazu: Anna Netrebko. Als Violetta in Verdis „La traviata" riss die 33-jährige, bildhübsche Russin am Sonntagabend die Premierenbesucher im Großen Festspielhaus zu Beifallsstürmen hin (siehe Kritik). Daran, dass das Publikum, wie hier geschehen, nach dem Schlussakkord geschlossen aufstand, um die Künstlerin zu bejubeln, können sich auch langjährige Festspiel-Fans kaum erinnern.

Und nicht genug der Superlative: mit ihrem ebenfalls gefeierten Partner Rolando Villazón sind die beiden jetzt auch noch das neue „Traumpaar" Salzburgs. So gab es denn gestern im „Bazar" wie in der Promi-Herberge „Goldener Hirsch" oder auf der Terrasse der „Rosenvilla" nur ein Thema: Anna - die neue Operngöttin, eine zweite Callas? Und: „War da nicht ein kleines Bäuchlein zu sehen, ist sie vielleicht schwanger? Die Probenarbeit soll ja sehr intim und intensiv gewesen sein."

Auch für Angela Merkel, die auf Einladung eines der vier großen Sponsoren (Nestlé, Siemens, Audi, Uniqua) mit drei Bodyguards angereist war (die, wenn zum Teil auch nur auf einem Stehplatz, die Netrebko-Arien miterleben durften), war es wohl gestern eine Salzburg-Premiere.

Die Münchner Charity-Lady Inge Fürstin von Wrede-Lanz: „Frau Merkel ist ja fast jedes Jahr in Bayreuth, aber in Salzburg habe ich sie noch nicht gesehen. Auch sie kam wegen Anna Netrebko, so hörte ich, sie ist ja eine große Musik-Kennerin. ,La traviata' war eine einmalige Vorstellung. Es war so anrührend, dass viele geweint haben, ich auch. Noch hinterher, als wir mit Bianca Jagger und ihrem Kunstfreund Thaddaeus Ropac im ,Goldenen Hirschen' gefeiert haben, wurde nur geschwärmt von dieser Inszenierung." Inge Fürstin von Wrede-Lanz kennt den üblichen Salzburg-Rummel schon lange: „Ich war bereits als Kind mit meinen Eltern regelmäßig dabei - unvergessen: Curd Jürgens als ,Jedermann', - und noch heute gehört Salzburg für meinen Mann und mich zum Jahreszeiten-Ablauf. Schon wenn wir von München hinfahren, die Burg sehen - da geht uns das Herz auf. Die Stadt und ihre Festspiele haben einen ganz besonderen Charme, eine unerreichbare Atmosphäre - viel leichter und lockerer als Bayreuth. Man zieht sich schön an, isst gut und hat Kunst in jeder Form - nicht nur Oper. Was ich positiv finde: Früher gab's nur eine Premiere, jetzt werden alle möglichen Inszenierungen gezeigt, Opern, die man sonst nicht so sieht."

Was man im Großen Festspielhaus so auch noch nicht gesehen hatte, war dann gestern das große Tuschel-Thema, schon in der Pause und auch hinterher. Kristall-Erbin Fiona Swarovski (40), die sich seit einiger Zeit bei jeder Gelegenheit gern innigst turtelnd mit ihrem Verlobten, dem österreichischen Finanzminister Karl-Heinz Grasser (38), in der Öffentlichkeit zeigt, busselte sich auch durch „La traviata". Von heißen Zungenküssen und Umarmungen wurde erzählt, so dass illustren Gästen wie Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth der Blick auf die Bühne zeitweise total versperrt war. „Stillos und peinlich", mokierten sich viele Besucher hinterher bei sautierten Hummerkrabben, Rehnüsschen und Champagner. „So benimmt man sich nicht in dem Alter und schon gar nicht in der Oper." In der anderthalb-Millionen-Stadt Wien hüllt man sich dazu in Schweigen. Grassers Sprecher Matthias Winkler gestern zur AZ: „Wir kommentieren das Privatleben des Finanzministers grundsätzlich nicht."

Dagegen die Mozartstadt Salzburg, klein, überschaubar, da gibt es unter den 150000 Bürgern wenig Anonymität. Auch nicht für die Großen der Szene. Was Elisabeth Gürtler, Kunstexpertin, Sacher-Chefin in Wien und Salzburg, aber wieder geradezu faszinierend findet: „Salzburg lebt mit seinen Festspiel-Gästen. In Wien treten dieselben Künstler auf, sind die Vorstellungen manchmal sogar besser, aber Publikum und Stars kommen nicht zusammen, laufen auf der Kärntner Straße aneinander vorbei. Im kleinen Salzburg sind die Sänger zum Anfassen nahe. Man lebt täglich mit ihnen."

Ja, man ist hier nah dran. Schon in der Ära des Pult-Titanen Karajan musste man nie lange nach dem Maestro Ausschau halten. Man konnte, abwarten, dass in der Zeitung von einer Bruchlandung berichtet vurde, weil er mit dem Porsche zu schnell zu seinem Haus in Anif unterwegs war. Man weiß es, wenn Lokalmatadorin Manni Fürstin von Sayn-Wittgenstein, in deren Jagdhaus in Fuschl sich jeden Festspiel-Sonntag die Hauptakteure von Bühne und Publikumsprominenz zum Wildgulaschessen einfinden, wieder einmal einen neureichen Möchtegern-Adabei ausgeladen hat, der sich über ein teures „Jedermann"-Sponsoring in die Society einkaufen will: „Diese Leute will ich nicht bei uns haben, zu unserer Gesellschaft gehören sie nicht."

Doch Kommerz und Kunst gehören in Salzburg seit langem zusammen, nicht erst seit der griechische Generalkonsul und Mercedes-Statthalter auf legendären Partys Millionäre und Minister, Präsidenten und Prinzen, Künstler und Lebenskünstler zu Festen zusammenbrachte, bei denen es oft so bewegt zuging, dass sich schon mal das Diamantarmband einer Schweizer Industriellengattin in alle Ecken verstreute. Die frühen 60er-Jahre, als der große Dirigent Karl Böhm nach legendären Premieren des „Figaro" oder der „Ariadne" mit einer handverlesenen Schar von Freunden und Künstlern am Stammtisch der „Rosenvilla" grantelnd seinen Kamillentee trank, sind eben längst vorbei. Aber damals war das Wasser im „Bazar" auch noch kostenlos.
Mitarbeit: Jana Badohn

Artikel erschienen am 9.8.2005 - Abendzeitung München



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