Home
Informationen
Termine/Reisen
Bilder
Kinder und Opern


  "La Traviata"
Kritiken über das Opernereignis 2005
Kinder und Opern
Termine 2008 Termine 2009 Termine 2007 Termine 2004 Termine 2005 Termine 2006 Termine 2010 Termine 2011

Größter Rummel seit Karajans Tagen
Anna Netrebkos Triumph in „La traviata"

Das gibt es nur in der Oper: Kaum war die todkranke Lebedame Violetta gestorben, brach ohrenbetäubender Jubel aus. Wie auf dem Exerzierplatz erhob sich Salzburgs Festspiel-Schickeria, um mit Standing Ovations einem Superstar zu huldigen: Anna Netrebko hatte in Willy Deckers Neuinszenierung von Verdis „La traviata" unmissverständlich klar gemacht, wem an diesem Abend die Palme gebührte. Da konnte ihr Partner Rolando Villazón als unglücklich verliebter Alfredo noch so hingebungsvoll schmachten - die attraktive Diva aus Krasnodar war Herrin im Haus. Effektvoller hat noch kein Partygirl Abschied von der schnöden Welt genommen.

Seit Karajan gab es in Salzburg wohl keine Opernpremiere, die schon im Vorfeld derart hohe Wellen schlug. Nimmermüde Fans zückten bis zu 3000 Euro für eine Schwarzmarkt-Premierenkarte. Netrebko-Süchtige schickten Blanko Schecks gen Salzburg. Doch keine Rose ohne Dornen: Der vorgesehene Dirigent, Marcello Viotti, starb im Februar. Anna Netrebko empfahl den italienischen Maestro Carlo Rizzi.

Fantastische Sänger und ein störender Dirigent

Der stand nun wohl zum ersten Mal vor den Wiener Philharmonikern und störte dann doch gewaltig. Im ersten Akt klang das Orchester wie eine Kurkapelle. Danach wurde es etwas besser. Doch im Hinblick darauf, dass oben auf der Bühne beachtliche Opernkunst stattfand, wäre es schön gewesen, auch aus dem Orchestergraben Gleichwertiges zu vernehmen. Stattdessen unterwarfen sich Wiens Elite-Musikanten bereitwillig der vom Dirigenten verordneten groblärmenden Theatralik.

Weil „Traviata" ein Kammerspiel ist, waren Regisseur und Ausstatter (Wolfgang Gussmann) bemüht, einen intimen Raum zu schaffen. Ein Rundbau gab den Blick auf eine Art Arena frei. So wurden die Zuschauer einbezogen und der Chor in seine Schranken verwiesen. Eine riesige Bahnhofsuhr signalisierte das baldige Ende Violettas: Bei Willy Decker ist sie die einzige Frau in einer von Männern beherrschten Party-Gesellschaft und hat naturgemäß keine Chance. Schon zu den Takten des Vorspiels torkelte Violetta-Netrebko erschöpft, aber attraktiv über die Bühne. Fast schien es, als suchte sie den am rechten Rand sitzenden alten Mann. Ein Gag: Es ist der bei Verdi erst zum Schluss erscheinende Arzt Doktor Grenvil (Luigi Roni), der den Tod symbolisiert und sich deshalb auch später immer wieder als Boandlkramer in Erinnerung bringen durfte. Dank des darstellerischen Engagements der drei Protagonisten steigerte sich Willy Deckers kluge Personenregie zu wunderbar eindringlichen Momenten. Decker fasste die drei Bilder nach der Pause zusammen - Jürgen Rose hatte einst in Bonn Ähnliches gewagt. Zu Beginn des zweiten Akts eine weitere Pointe: Statt Alfredo wie üblich allein auf der Bühne singen und absahnen zu lassen, durften Netrebko und Villazón übermütig herumtollen. Er in Unterhosen, sie im Morgenmantel: Kinderspiele, gewöhnungsbedürftig, aber allemal besser als steifes Rampentheater.

Wenn in ein paar Monaten CD und DVD erscheinen, wird man auch die musikalischen Eindrücke überprüfen können: Etwa, dass Anna Netrebko einen Akt Anlaufzeit benötigte, gelegentlich zu hoch intonierte, sich dann aber triumphal steigerte; dass Rolando Villazóns herrlich empfindsame Tenorstimme manchmal Mühe hatte, sich zu behaupten, dass der Krach aus dem Orchestergraben alle, auch den wunderbaren Thomas Hampson, immer wieder zum Forcieren zwang. Aber die Ohrfeige, die Hampson drehbuchgerecht seinem liebestollen Filius Villazón verabreichen durfte - die gab es nur live.
Volker Böser

Artikel erschienen am 9.8.2005 - Abendzeitung München



Copyright © 2005 Teletour Online
PresseKontakt