
Größter
Rummel seit Karajans Tagen
Anna Netrebkos Triumph in „La traviata"
Das
gibt es nur in der Oper: Kaum war die
todkranke Lebedame Violetta gestorben,
brach ohrenbetäubender Jubel aus. Wie
auf dem Exerzierplatz erhob sich Salzburgs
Festspiel-Schickeria, um mit Standing
Ovations einem Superstar zu huldigen:
Anna Netrebko hatte in Willy Deckers
Neuinszenierung von Verdis „La traviata"
unmissverständlich klar gemacht, wem
an diesem Abend die Palme gebührte.
Da konnte ihr Partner Rolando Villazón
als unglücklich verliebter Alfredo noch
so hingebungsvoll schmachten - die attraktive
Diva aus Krasnodar war Herrin im Haus.
Effektvoller hat noch kein Partygirl
Abschied von der schnöden Welt genommen.
Seit
Karajan gab es in Salzburg wohl keine
Opernpremiere, die schon im Vorfeld
derart hohe Wellen schlug. Nimmermüde
Fans zückten bis zu 3000 Euro für eine
Schwarzmarkt-Premierenkarte. Netrebko-Süchtige
schickten Blanko Schecks gen Salzburg.
Doch keine Rose ohne Dornen: Der vorgesehene
Dirigent, Marcello Viotti, starb im
Februar. Anna Netrebko empfahl den italienischen
Maestro Carlo Rizzi.
Fantastische
Sänger und ein störender Dirigent
Der
stand nun wohl zum ersten Mal vor den
Wiener Philharmonikern und störte dann
doch gewaltig. Im ersten Akt klang das
Orchester wie eine Kurkapelle. Danach
wurde es etwas besser. Doch im Hinblick
darauf, dass oben auf der Bühne beachtliche
Opernkunst stattfand, wäre es schön
gewesen, auch aus dem Orchestergraben
Gleichwertiges zu vernehmen. Stattdessen
unterwarfen sich Wiens Elite-Musikanten
bereitwillig der vom Dirigenten verordneten
groblärmenden Theatralik.
Weil
„Traviata" ein Kammerspiel ist, waren
Regisseur und Ausstatter (Wolfgang Gussmann)
bemüht, einen intimen Raum zu schaffen.
Ein Rundbau gab den Blick auf eine Art
Arena frei. So wurden die Zuschauer
einbezogen und der Chor in seine Schranken
verwiesen. Eine riesige Bahnhofsuhr
signalisierte das baldige Ende Violettas:
Bei Willy Decker ist sie die einzige
Frau in einer von Männern beherrschten
Party-Gesellschaft und hat naturgemäß
keine Chance. Schon zu den Takten des
Vorspiels torkelte Violetta-Netrebko
erschöpft, aber attraktiv über die Bühne.
Fast schien es, als suchte sie den am
rechten Rand sitzenden alten Mann. Ein
Gag: Es ist der bei Verdi erst zum Schluss
erscheinende Arzt Doktor Grenvil (Luigi
Roni), der den Tod symbolisiert und
sich deshalb auch später immer wieder
als Boandlkramer in Erinnerung bringen
durfte. Dank des darstellerischen Engagements
der drei Protagonisten steigerte sich
Willy Deckers kluge Personenregie zu
wunderbar eindringlichen Momenten. Decker
fasste die drei Bilder nach der Pause
zusammen - Jürgen Rose hatte einst in
Bonn Ähnliches gewagt. Zu Beginn des
zweiten Akts eine weitere Pointe: Statt
Alfredo wie üblich allein auf der Bühne
singen und absahnen zu lassen, durften
Netrebko und Villazón übermütig
herumtollen. Er in Unterhosen, sie im
Morgenmantel: Kinderspiele, gewöhnungsbedürftig,
aber allemal besser als steifes Rampentheater.
Wenn in ein paar Monaten CD und DVD
erscheinen, wird man auch die musikalischen
Eindrücke überprüfen können: Etwa, dass
Anna Netrebko einen Akt Anlaufzeit benötigte,
gelegentlich zu hoch intonierte, sich
dann aber triumphal steigerte; dass
Rolando Villazóns herrlich empfindsame
Tenorstimme manchmal Mühe hatte, sich
zu behaupten, dass der Krach aus dem
Orchestergraben alle, auch den wunderbaren
Thomas Hampson, immer wieder zum Forcieren
zwang. Aber die Ohrfeige, die Hampson
drehbuchgerecht seinem liebestollen
Filius Villazón verabreichen
durfte - die gab es nur live.
Volker Böser